Leserbrief zum Artikel „Wer steckt hinter dem Widerstand“ aus der GAZ vom 13.10.2026
„Wer steckt hinter dem Widerstand?”, fragte Jörgen Linker in der GAZ und begab sich auf digitale Spurensuche. Die Gegner des Rechenzentrums werden durchleuchtet, als handle es sich um verborgene Drahtzieher. Dabei stehen wir längst öffentlich am Kugelbrunnen, und was der Artikel zusammenträgt, ist für jeden einsehbar. Dass sich eine Klage über Spenden finanziert und die Initiative im Impressum ihrer Website eine verantwortliche Person nennt, ist weder ungewöhnlich noch anrüchig. Statt sich mit den Argumenten der Gegner zu befassen, wird leider nur über Personen geredet. Wer unsere Website zukunftohnerechenzentrumgiessen.de oder die Startnext-Kampagne liest, findet eine bunte Gruppe aus Anwohnern, Umweltschützerinnen und Technikskeptikern. Ebenso vielfältig ist die Kritik am Bebauungsplan. Sie auf „Not in my backyard” oder ideologische Maschinenstürmerei zu reduzieren, wird ihr nicht gerecht.
Wir hätten uns gewünscht, der Autor hätte denselben investigativen Elan der viel wichtigeren Frage gewidmet: Wer steckt eigentlich hinter dem Rechenzentrum?
Die ist im Gegensatz zur Identität der Gegner bis heute ungeklärt. Der Vorhabenträger Revikon wird lediglich das Gelände erschließen. Wer baut aber das Rechenzentrum, wer finanziert es, wem gehört es – und vor allem: Wer betreibt es? Welche Anwendungen werden dort realisiert, und welchem Recht unterliegen die Daten? Das sind keine Nebensächlichkeiten, denn davon hängt ab, wer in Gießen künftig Verantwortung für sensible Daten und Anwendungen trägt und dies gehört anders als die Identität der Gegner damit zur Sache.
Schließlich wird für das Projekt auch mit „digitaler Souveränität” geworben. Souverän ist aber nicht schon, wer einen Server auf deutschem Boden stehen hat. Gehört die Anlage einem Konzern, der dem Recht eines anderen Staates unterliegt, wie 60 Prozent aller Rechenzentren in Hessen, nützt der Standort Gießen wenig. Entscheidend ist, wer darüber verfügen und auf die Daten zugreifen darf. Das hätte vor einer Entscheidung geklärt sein müssen. Die Stadt hat es versäumt, sich Vorkaufsrechte zu sichern, und die Betreiberwahl dem Vorhabenträger überlassen.
Ebenso verdienen die Einwände zu Bauhöhe, Energiebedarf und Folgen für die Nachbarschaft ernsthafte Antworten. Das Rechenzentrum ist überdimensioniert. Wie wird der enorme Strombedarf gedeckt? Was bedeutet eine Erwärmung der Umgebung um 2, in Extremfällen bis zu 9 Grad, wie Studien nahelegen, für die Anwohner? Wie wirkt sich der tieffrequente Dauerschall auf die Gesundheit der Anwohner und der Kinder der KiTa Westblick aus? Die Bürgerinnen und Bürger Gießens verdienen Antworten auf diese Fragen. Das Stadtplanungsamt antwortete hingegen im Stadtteilrat auf alle konkreten Nachfragen hierzu nur ausweichend: „Wenden Sie sich für Näheres an den Betreiber.”
Ja, an welchen Betreiber bitte?
Die meisten Betreiber von Rechenzentren werden indessen aus dem Ausland kontrolliert. Allen voran den USA. Der KI Markt ist fast vollständig in der Hand von US-Konzernen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein deutscher Betreiber gefunden wird, ist also äußerst gering. Zumal die Stadt gar keinen Einfluss auf die Betreiberwahl hat. Das Argument der digitalen Souveränität ist also bloß vorgeschoben.
Es ist auch fraglich, ob sich überhaupt ein Betreiber finden lassen wird und der B-Plan vollzugsfähig ist. Die Pläne gehen auf 2023 zurück. Damals gab es das KRITIS-Dachgesetz noch nicht. Das kam erst 2026. Dieses macht es einem potentiellen Betreiber schwerer, sich im Katzenfeld anzusiedeln. Denn anders als die Stadt suggeriert, ist der Standort für Kritische Infrastruktur nicht optimal. Die BSI-Abstandskriterien werden nicht eingehalten und Gießen ist ein Kampmittelrisikogebiet.
Auch das Argument, dass es Bedarf gäbe, ist zweifelhaft: Laut Daten des Bundeswirtschaftsministeriums (Rechenzentrumsregister) sind die bestehenden Rechenzentren in Deutschland nur zu ein Drittel ausgelastet. Statt neue Rechenzentren zu bauen, sollten die bestehenden Potentiale erstmal ausgeschöpft werden! Was wir aktuell erleben, ist vor allem eine von Banken und Gier getriebene Spekulationsblase.
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Dilettantisches Pamphlet aus der GAZ vom 13.10.2026 – Der Autor ist da was ganz großem auf der Spur 🙂
