Kein neues Rechenzentrum in Gießen
65 Megawatt Anschlussleistung, 30 Meter hohe Hallen, die Abwärme von 30.000 Wasserkochern – und das Alles für ein Rechenzentrum, dessen Betreiber bis jetzt noch nicht feststeht. Noch hat der Bau nicht begonnen. Wir werden verhindern, dass er beginnt.
Wir wollen:
Keinen Neubau eines Rechenzentrums im Katzenfeld. Keine 30m hohen Hallen mit Super-Stromfresser-Technik, immenser Abwärme und hohen Betonwänden auf wertvolles Ackerland!
Überhaupt kein neues Baugebiet. Stattdessen: Wertvolle Ackerflächen und unbebaute Gebiete erhalten. Vorhandenes sinnvoll nutzen. Leerstand wieder in Nutzung bringen, vorhandene Siedlungs- und Gewerbeflächen nutzen, statt neue Flächen zu versiegeln!
Eine Milliarde Euro besser in Soziales und Klimaschutz investieren statt in ressourcenfressende Projekte, die nur wenigen nützen. Von der veranschlagten Milliarde Euro Baukosten ließen sich viele sinnvolle Projekte realisieren. Wenn es denn nicht nur um Profite ginge…
Worum geht es?
Projektentwickler Daniel Beitlich plant mit seiner Revikon GmbH den Neubau eines Großrechenzentrums in Gießen. Das Baugebiet befindet sich in der Weststadt, zwischen Krofdorfer Straße, Weilburger Grenze und Wilhelm-Leuschner-Straße.
Das wäre das erste Großrechenzentrum in Mittelhessen. Mit Beschluss vom 27.08.2026 hat die Stadtverordnetenversammlung Baurecht beschlossen. Aktuell begibt sich die Revikon auf die Suche nach zukünftigen Betreibern.
maximale Anschlussleistung
Die Begründung zum Bebauungsplan bereitet ein Groß-Rechenzentrum mit rund 65 Megawatt vor. Das entspricht der Leistung von 30.000 Wasserkochern – und das im Dauerbetrieb.
Gebäudehöhe
Geplant sind fünf große Baukörper sowie ein Verwaltungsgebäude. Die Gebäude sollen etwa 27,5 bis 30 Meter hoch werden, zuzüglich technischer Dachaufbauten. Aus Hochwasserschutzgründen ist zusätzlich eine Aufschüttung von bis zu 4 Metern geplant.
gesamtes Plangebiet
Der aktuelle Plan umfasst Gewerbe-, Sonderbau-, Verkehrs-, Grün- und Versorgungsflächen. Rund sechs Hektar sind als Sondergebiet für das Rechenzentrum vorgesehen.
Warum wir das Rechenzentrum nicht wollen
1. Riesiger Strombedarf
65 Megawatt bedeutet: ein Großrechenzentrum, das in dieser Dimension das erste in Mittelhessen wäre. 65 Megawatt entspricht dem Energieverbrauch von etwa 30.000 Wasserkochern.
Laut Stadtverwaltung soll das Rechenzentrum rund 488.000 MWh Strom pro Jahr verbrauchen – mehr, als die gesamte Stadt Gießen zuletzt verbraucht hat (rund 350.000 MWh). Mit einem einzigen Projekt würde sich der Stromverbrauch Gießens verdoppeln.
Im Jahr 2019 hat die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, Gießen solle bis zum Jahr 2035 klimaneutral werden – der Bau des Rechenzentrums ist die endgültige Absage an selbstgesteckte Klimaschutz-Ziele!
2. Abwärme
Rechenzentren funktionieren wie riesige Durchlauferhitzer: elektrische Energie wird beim Rechnen nahezu vollständig in Wärme umgesetzt. Als Dimensions-Vergleich: für Sauna-Öfen wird mit 1kW Leistung pro Kubikmeter Saunaraum gerechnet. Rechnerisch ließe sich mit der zu erwartenden Abwärme im Katzenfeld eine 22m hohe Sauna auf der Grundfläche eines Fußballfelds (7.140m²) betreiben.
Diese Abwärme kann nur teilweise vom Fernwärmenetz aufgenommen werden (und im Sommer wird sie sowieso nicht benötigt). Das angrenzende Quartier wird dann bereits über eine neue
Flusswassergroßwärmepumpe mit Wärme versorgt werden. Die Auswirkungen der ungenutzten Restwärme auf die
angrenzende Wohnbebauung wurden nicht untersucht.
3. Kita und Grundschule in direkter Nachbarschaft
In unmittelbarer Nachbarschaft zum Baugebiet (auf der anderen Straßenseite) stehen ein Kindergarten (Kita Westblick) und eine Grundschule (Grundschule Gießen-West). Die Konsequenz der Belastung beispielsweise durch ein ständiges Hintergrundbrummen der Kühlungstechnik für die Kinder in Schule und Kita ist nicht vorhersagbar – Stress und Ermüdung aber vorprogrammiert.
Auch die Bauphase wird belastend: Allein für die Aufschüttung fahren in der Bauphase bis zu 100 LKW täglich (20.000 LKW-Fahrten insgesamt).
4. Flächenversiegelung
Knapp 17 Hektar landwirtschaftliche Fläche, eines der letzten unversiegelten Gebiete Gießens soll überbaut werden. Im Gebiet sind bestätigte Brutreviere des in Hessen gefährdeten Bluthänflings sowie weiterer bedrohter Vogelarten (u. a. Feldlerche, Grünspecht) nachgewiesen – die dafür nötigen Ausgleichsflächen sind mit einer nahezu vollständigen Versiegelung kaum vereinbar.
5. Lärm
Kühlsysteme großer Rechenzentren erzeugen ein ständiges Brummen, das andernorts bereits zu Kopfschmerzen, Stress und Schlafstörungen geführt hat. Wie stark Anwohnende, Kita und Grundschule West tatsächlich betroffen sein werden, ist zudem unklar: Weder der Verkehrslärm auf den Anliegerstraßen noch der Gewerbelärm wurden bislang als Vorbelastung ermittelt.
65 dBA Lärmpegel sind tagsüber zugelassen – neben dem Verkehrslärm des Gießener Rings! Das entspricht etwa dem Lärm einer Kettensäge oder einem Staubsauger und es hört nie auf (24/7).
6. Zerstörung des Landschaftsbild
Für den Hochwasserschutz ist eine Aufschüttung um bis zu 4 Metern geplant, die sich zu bis zu 30 Meter hohen Gebäuden addiert. Dadurch geht die Funktion des Katzenfeldes als Retentionsfläche bei Hochwasser zum Teil verloren. Die Kita Westblick verliert ihren Blick nach Westen und kann sich in „Kita Betonblick“ umbenennen, die Weststadt bekommt ein riesiges hässliches Mahnmal an den unreflektierten Fortschrittswahn der Menschheit, das den Blick nach Wettenberg und Gleiberg versperrt.
7. Verschärfte Netzkonkurrenz
Ein einzelner Großverbraucher dieser Dimension verschärft den Wettbewerb um Netzkapazitäten und erhöht das Risiko von Engpässen für Haushalte und übriges Gewerbe in der Region. Bisher wurde dieses Problem weder erörtert, noch wurden Konzepte zur Versorgungssicherung Gießens vorgestellt. Als warnendes Beispiel kann Irland dienen. Dort verbrauchen Rechenzentren mittlerweile fast ein Viertel des Landesstroms. Die Folgen: ein zeitweiliges Anschlussmoratorium für Neuanlagen in Dublin sowie Netzausbaukosten in Milliardenhöhe, die am Ende über Netzentgelte auf die Verbraucher abgewälzt werden.
8. Kaltluftschneise wird zugebaut
Die städtebauliche Rahmenplanung von 2017 stuft die Fläche als Teil einer stadtklimatisch bedeutsamen Kaltluftleitbahn zur Innenstadt ein und fordert deshalb ausdrücklich einen Versiegelungsgrad unter 60 % sowie geringe Bauhöhen. Ein bis zu 30 Meter hoher Baukörper verstößt gegen genau diese Empfehlung – und trägt zusätzlich Abwärme in den Bereich ein, der eigentlich Kühlluft liefern soll.
9. Kein gesellschaflicher Nutzen absehbar
All die Nachteile sollen wir in Kauf nehmen ohne dass ein gesellschaftlicher Nutzen absehbar wäre. Noch ist völlig unklar, wer die Rechner in dem Rechenzentrum betreiben wird.
Die aktuell dringlichsten Probleme der Menschheit (Ungleichverteilung von Ressourcen, Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit, Vorbereitung von Kriegen um Land und Rohstoffe) lassen sich jedenfalls nicht mit Computer-Rechenleistung lösen.
Aber…
… die Arbeitsplätze
Nach Erfahrungswerten des Bundeswirtschaftsministeriums (0,3–0,8 Arbeitsplätze je MW) sind bei 65 MW realistisch. Das wären dann 20-50 Arbeitsplätze in dem neuen Rechenzentrum im Katzenfeld – bei hohem Pendleranteil, der der Stadt Verkehrskosten statt Einkommensteuer bringt. Ein Rechenzentrum ist eine der ineffizientesten Nutzungsmöglichkeiten städtischer Gewerbeflächen in Bezug auf Arbeitsplatzdichte und Gewerbesteueraufkommen. In der Projektkalkulation wird von 900 Arbeitsplätzen gesprochen. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich IT-Firmen um das Rechenzentrum herum ansiedeln wollen. Das ist zumindest technisch Unsinn – übers Internet kann man fast mit Lichtgeschwindigkeit von überall auf Server zugreifen, es gibt keinen Grund, eine IT-Firma in der Nähe anzusiedeln.
… Gewerbesteuereinnahmen?
Sind nicht zu erwarten. Noch steht kein Betreiber fest. Vertraglich ist nichts geregelt. Es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass die Betreiberfirma steuerlich in Gießen ansässig sein wird. Ein anderes Beispiel: in Frankfurt am Main verbrauchen Rechenzentren 20% des städtischen Stroms, tragen aber nur 1% der Gewerbesteuer bei
… wir müssen die Digitalisierung voranbringen und unabhängiger werden.
Bisher gibt es noch keine Betreiber. Ob in dem Rechenzentrum Anwendungen mit gesellschaftlichem Mehrwert von europäischen Unternehmen laufen werden oder hingegen sehr schädliche Anwendungen lässt sich noch nicht vorhersagen. Kritische Infrastruktur nach KRITIS-Gesetz jedenfalls dürfte an dem Standort unter anderem aufgrund der Nähe zum Gießener Ring und dem Kampfmittelrisiko im Gießener Boden nicht zulässig sein. Wenn ein US-Techkonzern das Rechenzentrum betreibt, nutzt es auch der „digitalen Souveränität“ nicht.
… das Rechenzentrum wird doch mit Ökostrom betrieben.
Das ist keine Errungenschaft, sondern gesetzliche Mindestvorgabe (§ 11 EnEfG). Der Ökostrom wird dabei nicht lokal erzeugt (das wäre in der Dimenson auch schwer möglich), sondern ganz woanders. Eingekauft werden dann Ökostrom-Zertifikate (zum Beispiel für Strom aus aufgestauten Flüssen in Norwegen). Das ist kein Umweltschutz, sondern Problemverlagerung und Greenwashing.
Kontakt
Hier erreichst du aktive Zusammenhänge vor Ort: Projektgegner*innen, Anwohner*innen. Wir haben verschiedene Gründe und Schwerpunkte, gegen das Projekt aktiv zu sein, gemeinsam ist der Wille, den Bau noch zu verhindern.
Quellen & Belege,
Hintergründe und Presseberichte
Stadt Gießen: Bebauungsplan Nr. GI 05/23 „Katzenfeld“ – aktuelle Planunterlagen, Umweltbericht und Artenschutzfachbeitrag.
Stadt Gießen: „Im Katzenfeld“ – Projektbeschreibung und städtebauliche Einordnung.
Stadt Gießen / Stadtplanungsamt: Begründung zum Bebauungsplan GI 05/23 – insbesondere Größenordnung, 65 MW, Baukörper und Höhen.
Stadt Gießen: Umweltbericht „Im Katzenfeld“, Stand 01.06.2026 – Boden, Klima und weitere Umweltbelange.
Gießener Allgemeine, 13.08.2026 – Stromverbrauch, Arbeitsplätze, Betreiberstatus und Projektstand.
Gießener Anzeiger, 13.08.2026 – Größenordnung des Stromverbrauchs.
Gießener Anzeiger, 04.09.2026 – Stand nach dem Satzungsbeschluss und Betreiberwahl.
tagesschau / hessenschau, 27.08.2026 – Beschluss der Stadtverordnetenversammlung.



